Tengis Kasch, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Berlin, Neukölln

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16.09.2011 Wenn Samtpfötchen die Zähne bleckt.

Vorsicht! Besonders in der Schwangerschaft. Textarchiv Berliner Zeitung. 17.08.2011

Katzenbisse werden oft unterschätzt, denn sie sind klein und bluten kaum. Sie können
jedoch zu bedrohlichen Infektionen führen
Jana Schlütter
Normalerweise hätte sie Gartenhandschuhe angezogen. Fremde Katzen können unberechenbar sein, Silke
Laube weiß das. Die Tiere aus Spanien und Sardinien, die bei der Tierschützerin aus dem
niederrheinischen Korschenbroich auf ein Zuhause warten oder endgültig bei ihr bleiben, haben oft
negative Erfahrungen mit Menschen gemacht. Doch die Ohren dieses dreijährigen Neuankömmlings
waren voller Milben. Er benötigte eine lindernde Salbe. Sie mit Gartenhandschuhen aufzutragen, war
aussichtslos. Und gerade schien der Kater entspannt, lag schnurrend auf ihrem Schoß. Um Zeit zu sparen,
ließ sie die Handschuhe weg.
Diese Entscheidung bescherte ihr zwei Krankenhausaufenthalte und eine rechte Hand, die monatelang
ihren Dienst versagte. Dabei hatte die Tube das Ohr des Katers nicht einmal berührt, ein eigenwilliges
Geräusch reichte aus. Die Katze geriet in Panik und biss zu. Ihre Eckzähne bohrten sich tief in den
Mittelfinger der Tierschützerin. Das war Ende Januar; die Schmerzen begleiten Silke Laube bis heute.
Im Gegensatz zu Hundebissen sehen Katzenbisswunden harmlos aus. Sie sind klein, bluten kaum und
schließen sich innerhalb weniger Minuten. Das macht sie so tückisch. Der Bakterien-Mix in der Mundflora
einer Katze ist sehr aggressiv. Mit ihren kleinen, spitzen Zähnen impfen Katzen den Cocktail tief ins
Fleisch. Jede zweite Wunde entzündet sich.
Hat die Haut sich geschlossen, können die Bakterien tief im Gewebe ihr Unwesen treiben. Traf der Biss
Knochen oder Sehnen, können sich Knochenmark, Gelenkkapseln oder Sehnen entzünden. Für
Schwangere kommt die Gefahr einer Toxoplasmose hinzu - eine Infektion, die das ungeborene Kind
schwer schädigen kann.
Die meisten Katzenbesitzer ahnen davon nichts. Da ihre Samtpfoten nur in äußerster Not - etwa unter
starken Schmerzen oder in Panik - wirklich zubeißen, haben die wenigsten Menschen Erfahrung damit.
Von etwa 35 000 Tierbissen im Jahr gehen nur fünf bis zehn Prozent auf das Konto von Katzen,
mindestens 85 Prozent verursachen Hunde.
Mit den teilweise stark blutenden Wunden, die ein Hund mit seinen vergleichsweise stumpfen Zähnen ins
Fleisch reißt, eilen die meisten Menschen zum Arzt. Kleine Katzenbisse dagegen werden fast immer
unterschätzt. "Ein Kratzer halt, was macht das schon", denken die Betroffenen. Ein bisschen Wasser, ein
Pflaster und gut. Doch auch der Biss eines Stubentigers kann lebensbedrohlich sein.
Sofort in die Notaufnahme
"Tierbisse sind keimbelastet und sollten immer sofort ärztlich versorgt werden. Egal zu welcher Tagesoder Nachtzeit", betont Frank Brunkhorst vom Universitätsklinikum Jena und Sprecher des
Kompetenznetzes Sepsis. In der Notaufnahme wird die Wunde geöffnet und gründlich ausgewaschen, ein
Antibiotikum hilft zusätzlich, die Bakterien in Schach zu halten. Gelingt das, klingt die Entzündung in ein
bis zwei Wochen ab.
Meist warten Patienten mit kleinen Bisswunden jedoch bis zum nächsten Morgen oder bis die Stelle
ballonartig angeschwollen ist. Je größer der Entzündungsherd, desto größer ist auch die
Wahrscheinlichkeit, dass das betroffene Körperteil operiert und im Notfall sogar amputiert werden muss,
um die Infektion einzudämmen. Gelangen die Erreger in die Blutbahn, droht eine Blutvergiftung, Sepsis
genannt.
Mit jeder Stunde, die dann vergeht, steigt die Sterblichkeitsrate um sieben Prozent. Bisswunden sind zwarnur die Ursache von ein Prozent der jährlich rund 150 000 Sepsisfälle. "Aber gerade nach Tierbissen sehen
wir sehr schwere und tödliche Verläufe", berichtet Brunkhorst. Besonders gefährdet seien Menschen,
deren Immunsystem unterdrückt wurde - etwa durch eine Krebsbehandlung oder durch
Rheumamedikamente. Menschen, denen die Milz entfernt wurde, rät er gänzlich von Haustieren ab.
Silke Laube verhielt sich vorbildlich und fuhr zur Chirurgischen Ambulanz des nächsten Krankenhauses.
Trotzdem wurden die Wochen danach zu einem Alptraum mit starken Antibiotika, Schmerzmitteln und
ständigen Verbandswechseln. Die Bakterien waren resistent gegen die Arzneien und vermehrten sich
munter. Nach etwa drei Wochen kam die junge Frau zum ersten Mal ins Krankenhaus und wurde operiert.
Ungewöhnlich sei der Bakteriencocktail in ihrer Wunde, befanden die Ärzte.
Die Bandbreite der Bakterien, die bei einem Katzen- und Hundebiss übertragen werden, reicht von
Pasteurellen, Staphylokokken und Meningokokken bis hin zum gefährlichsten Vertreter im Katzen- und
Hundemaul: Capnoycytophaga canimorsus.
Das Bakterium schafft es nicht nur, das Immunsystem des Menschen auszutricksen und sich ungehindert
zu vermehren. Die Mikroben ernähren sich überdies von Zuckern, die sich auf der Oberfläche
menschlicher Zellen befinden. Überraschenderweise machen sie dabei auch vor Abwehrzellen wie den
Makrophagen nicht halt: "Deren Aufgabe ist eigentlich, die Eindringlinge zu fressen. Stattdessen grasen
die Bakterien sie ab wie eine Kuh die Weide", sagt Guy Cornelis, Infektionsbiologe an der Universität
Basel.
Die Abwehrzellen erkennen die Übeltäter nicht und lösen nicht einmal eine Entzündungsreaktion aus.
Während für den Patienten scheinbar noch alles in Ordnung ist, braut sich in seinen Zellen das Unheil
zusammen. Wundbrand, Sepsis, Hirnhautentzündung oder Endokarditis, eine Entzündung der
Herzinnenhaut, können so entstehen.
Das Eigenartige: Obwohl der Erreger in praktisch jedem Katzen- und Hundemaul vorkommt und sehr
erfolgreich die Immunabwehr umgehen kann, schaffen es die meisten Menschen, ihn in Schach zu halten.
"Wir wissen nicht, woran das liegt", sagt Cornelis, der das Bakterium seit Jahren erforscht. Möglicherweise
ist die enorme genetische Vielfalt des Erregers der Grund. Ob es auch Silke Laube mit Capnoycytophaga
canimorsus zu tun hatte, weiß sie nicht. Was auch immer in ihrer Hand tobte - wie früher bewegen lässt sie
sich noch immer nicht. Dem Kater trägt sie nichts nach: "Das Tier hatte doch nur Angst!"
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Wie sich Bisse vermeiden lassen
Katzen beißen nur in großer Not richtig zu - etwa, wenn sie Panik bekommen oder große Schmerzen
haben. Die Auslöser variieren und können sogar harmlose Geräusche oder Gegenstände sein.
Drohgebärden wie Fauchen sollten daher ernst genommen werden.
Hundebisse beruhen meist auf Missverständnissen in der Kommunikation zwischen Mensch und Tier.
Kinder sind besonders gefährdet. Statt auf die gesamte Körpersprache des Tieres zu achten, blicken sie
dem Tier meist geradewegs ins Gesicht, um zu entscheiden, ob es freundlich gestimmt ist. Der
unverwandte Blick in die Augen kann ein irritiertes Tier zusätzlich provozieren.
Gartenhandschuhe sind empfehlenswert, wenn man ein verängstigtes oder unbekanntes Tier medizinisch
versorgen muss.
Bisse beim Spiel sind dagegen meist harmlos, sie durchdringen fast nie die Haut. Falls das doch einmal
geschieht, sollte man die Wunde desinfizieren und auf Entzündungsanzeichen achten.


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